Praxis
ISG-Übungen: warum dein Iliosakralgelenk keine Gewalt braucht, sondern bessere Zusammenarbeit.
Das Iliosakralgelenk bewegt sich nur minimal, um wenige Grad. Wenn es schmerzt, liegt das selten am Gelenk allein, sondern daran, wie Becken, Lendenwirbelsäule und Hüften die Last untereinander verteilen.
Redaktion The BodyIQ · 10. Oktober 2026 · 5 Min Lesezeit

Der Schmerz sitzt tief, meist auf einer Seite, dort, wo der untere Rücken in das Gesäß übergeht. Beim Aufstehen aus dem Auto, beim Treppensteigen oder nach langem Sitzen meldet er sich. Oft fällt dann das Wort „ISG-Blockade".
Das Iliosakralgelenk, kurz ISG, verbindet das Kreuzbein mit den beiden Beckenschaufeln. Es ist ein sehr stabiles Gelenk mit nur wenig Spielraum. Seine Aufgabe ist es, Kräfte zwischen Rumpf und Beinen weiterzuleiten. Und genau da liegt der Schlüssel.
Warum das ISG schmerzt
Ob ein ISG wirklich „blockiert" sein kann, wird in der Fachwelt unterschiedlich gesehen. Unstrittig ist: Das Gelenk sitzt mitten in einem System aus Becken, Lendenwirbelsäule und Hüftgelenken. Arbeiten diese Teile gut zusammen, verteilt sich die Last. Arbeitet ein Teil zu wenig – etwa eine steife Hüfte oder eine unbewegliche Lendenwirbelsäule –, muss ein anderer mehr übernehmen.
Typische Auslöser sind langes Sitzen mit einseitiger Belastung, ein einseitiges Standbein, Schwangerschaft und die Zeit danach, ungewohnte Belastung beim Sport oder ein Sturz aufs Gesäß.
Warum sanft oft mehr bringt als Kraft
Viele ISG-Übungen im Netz setzen auf Dehnen, Kräftigen oder darauf, das Gelenk „zurückzuholen". Das kann im Einzelfall helfen. Wer aber dauerhaft Ruhe will, braucht vor allem eines: ein Becken, das sich wieder frei und gleichmäßig bewegt, damit kein Teil allein die Last trägt.
Die Feldenkrais-Methode arbeitet genau hier. Kleine, langsame Bewegungen des Beckens zeigen dem Nervensystem, wie sich Last anders verteilen lässt. Ohne Druck, ohne Ruck, ohne Schmerz.
Die Lektion: die Becken-Uhr – 6 Minuten
Die Lektion
Die Becken-Uhr
6 MinIm Liegen- Schritt 1
Ankommen
45 SekLeg dich auf den Rücken, auf eine Matte oder einen Teppich. Stell die Beine an, die Füße stehen hüftbreit. Spür, wie dein Becken auf dem Boden liegt: Wo ist der Kontakt deutlicher, rechts oder links?
- Schritt 2
Die Uhr vorstellen
15 SekStell dir vor, unter deinem Becken liegt das Zifferblatt einer Uhr. Die Zwölf liegt in Richtung Kopf, die Sechs in Richtung Füße, die Drei rechts, die Neun links.
- Schritt 3
Zwischen Zwölf und Sechs
75 SekRoll das Becken langsam Richtung Zwölf, sodass sich der untere Rücken dem Boden nähert. Dann Richtung Sechs, sodass sich ein kleines Hohlkreuz bildet. Sehr klein, sehr langsam, etwa acht Mal. Lass den Atem frei.
- Schritt 4
Zwischen Drei und Neun
75 SekRoll das Becken nun zur Drei, sodass die rechte Beckenseite mehr Gewicht bekommt, und dann zur Neun. Etwa acht Mal. Bemerk, ob eine Seite leichter geht.
- Schritt 5
Einmal rund herum
60 SekVerbinde die Punkte: Zwölf, Drei, Sechs, Neun – langsam im Kreis. Einige Runden im Uhrzeigersinn, dann gegen den Uhrzeigersinn. Wenn der Kreis an einer Stelle eckig wird, mach ihn dort kleiner.
- Schritt 6
Ruhe und Vergleich
90 SekStreck die Beine lang aus und bleib liegen. Wie liegt das Becken jetzt? Hat sich der Kontakt zum Boden verändert? Steh danach langsam über die Seite auf und geh ein paar Schritte.
Wichtig: Die Becken-Uhr soll sich angenehm anfühlen. Wenn eine Richtung schmerzt, lass sie weg oder mach die Bewegung nur in der Vorstellung. Auch das wirkt – das Nervensystem lernt bereits über die Vorstellung einer Bewegung.
Was die Forschung zeigt
Eigene Studien zur Feldenkrais-Methode speziell beim ISG gibt es bisher nicht. Für Schmerzen der Wirbelsäule insgesamt kommt eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse (Berland et al., 2022) zu dem Schluss, dass die Methode vergleichbare Effekte zeigt wie andere physiotherapeutische Verfahren. Eine frühere Übersichtsarbeit (Hillier & Worley, 2015) betont zugleich, wie unterschiedlich die bisherigen Studien angelegt sind. Unsere Studienübersicht ordnet die Lage ausführlich ein.
Häufige Fragen
Welche Übungen helfen bei ISG-Schmerzen?
Viele Menschen profitieren von sanften, langsamen Bewegungen des Beckens, etwa der Becken-Uhr. Sie helfen, die Last wieder gleichmäßiger auf Becken, Lendenwirbelsäule und Hüften zu verteilen. Wichtig ist, im schmerzfreien Bereich zu bleiben.
Was tun bei einer ISG-Blockade?
Lass die Beschwerden zuerst ärztlich oder physiotherapeutisch einordnen. Danach können sanfte Bewegungslektionen ergänzend helfen, das Becken wieder freier zu bewegen. Ruckartige Selbstmanöver solltest du vermeiden.
Wie lange dauern ISG-Schmerzen?
Das ist sehr unterschiedlich. Viele akute Beschwerden im unteren Rücken bessern sich innerhalb weniger Wochen. Halten sie länger an oder kommen sie immer wieder, lohnt es sich, die Bewegungsgewohnheiten dahinter anzuschauen.
Darf ich mit ISG-Schmerzen Sport machen?
Bewegung ist in der Regel besser als Schonung. Wähle Belastungen, die nicht schmerzen, und sprich bei anhaltenden Beschwerden mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, welche Sportarten gerade sinnvoll sind.
Quellen
- Berland R, Marques-Sule E, Marín-Mateo JL, Moreno-Segura N, López-Ridaura A, Sentandreu-Mañó T. Effects of the Feldenkrais Method as a Physiotherapy Tool: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2022;19(21):13734. doi.org
- Hillier S, Worley A. The Effectiveness of the Feldenkrais Method: A Systematic Review of the Evidence. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine. 2015:752160. doi.org
Dieser Artikel dient der Orientierung und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Feldenkrais ist Bewegungspädagogik.
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