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Praxis

Nervensystem beruhigen: fünf körperliche Wege, die wirklich wirken.

„Entspann dich doch mal" funktioniert nicht. Dein Nervensystem hört nicht auf Argumente, sondern auf Signale. Hier sind die Signale, die es versteht.

Redaktion The BodyIQ · 10. Oktober 2026 · 5 Min Lesezeit

Ruhig gefaltete Hände am Fenster in warmem Licht

Du liegst im Bett, der Körper ist müde, aber irgendetwas läuft weiter. Der Kiefer ist fest, der Atem sitzt oben in der Brust, die Gedanken springen. Das ist kein Charakterzug und keine Schwäche. Es ist ein Zustand deines autonomen Nervensystems – und Zustände lassen sich verändern.

Allerdings nicht durch Willenskraft. Das autonome Nervensystem heißt so, weil es sich nicht direkt steuern lässt. Es reagiert auf das, was der Körper ihm meldet: Atem, Muskelspannung, Haltung, Blick. Genau dort setzt du an.

Woran du ein überaktiviertes Nervensystem erkennst

  • Du kommst schwer zur Ruhe, auch wenn eigentlich nichts zu tun ist.
  • Kiefer, Schultern oder Bauch sind dauerhaft angespannt.
  • Der Atem ist flach und sitzt hoch im Brustkorb.
  • Du schläfst schlecht ein oder wachst nachts auf und bist sofort hellwach.
  • Kleine Reize – ein Geräusch, eine Nachricht – lösen unverhältnismäßig viel aus.

Das ist normal, wenn es vorübergeht. Wird es zum Dauerzustand, lernt der Körper, Anspannung für normal zu halten. Wie das genau funktioniert, erklärt unsere Themenseite Nervensystem.

Fünf Wege, die über den Körper wirken

1. Länger aus- als einatmen

Der bekannteste und am besten untersuchte Weg. Langsames Atmen – etwa sechs Atemzüge pro Minute – erhöht laut einer Meta-Analyse (Laborde et al., 2022) die vagal vermittelte Herzratenvariabilität, ein Zeichen dafür, dass der beruhigende Teil des Nervensystems mehr Einfluss bekommt. Praktisch: vier Sekunden ein, sechs bis acht Sekunden aus.

2. Gewicht abgeben

Leg dich hin und spür, welche Stellen den Boden berühren. Viele Menschen halten sich selbst im Liegen noch fest. Wenn du bewusst Gewicht an den Boden abgibst, sinkt die Muskelspannung – und mit ihr das Alarmsignal an das Gehirn.

3. Den Blick weiten

Unter Stress verengt sich der Blick, wir fokussieren. Lass die Augen weich werden und nimm wahr, was am Rand deines Sichtfelds liegt, ohne den Kopf zu bewegen. Das ist kein Wundermittel, aber für viele ein schneller Weg aus dem Tunnel.

4. Summen

Ein leises, langes Summen verlängert ganz von selbst den Ausatem. Dazu kommt die Vibration im Brustkorb und Hals, die viele als angenehm beruhigend erleben. Ehrlich bleibt: Gut untersucht ist vor allem der verlängerte Ausatem dahinter, weniger das Summen selbst.

5. Langsame, kleine Bewegung

Schnelle Bewegung aktiviert. Langsame, aufmerksame Bewegung tut das Gegenteil: Sie lenkt die Aufmerksamkeit nach innen, senkt die Muskelspannung und verlangsamt den Atem. Das ist der Kern der Feldenkrais-Methode – und der Grund, warum viele Menschen nach einer Stunde ruhiger sind, ohne „Entspannung geübt" zu haben.

Die Lektion: das Knie-Pendel – 5 Minuten

Die Lektion

Das Knie-Pendel

5 MinIm Liegen
  1. Schritt 1

    Ankommen

    60 Sek

    Leg dich auf den Rücken, auf eine Matte oder einen Teppich. Stell die Beine an, die Füße stehen etwa hüftbreit. Spür, welche Stellen den Boden berühren: Hinterkopf, Schulterblätter, Becken, Füße. Nichts verändern, nur wahrnehmen.

  2. Schritt 2

    Kleines Pendel

    90 Sek

    Lass beide Knie ein kleines Stück nach rechts sinken und komm zurück zur Mitte. Dann ein kleines Stück nach links. Die Bewegung ist so klein, dass sie fast nicht zu sehen ist. Langsam, ohne Ziel.

  3. Schritt 3

    Den Atem bemerken

    60 Sek

    Lass das Pendel weiterlaufen und beobachte deinen Atem. Wann atmest du ein, wann aus? Lass den Ausatem ein wenig länger werden, ohne ihn zu erzwingen.

  4. Schritt 4

    Ruhe

    60 Sek

    Lass die Knie in der Mitte stehen oder streck die Beine lang aus. Bleib liegen und spür nach.

  5. Schritt 5

    Vergleichen

    30 Sek

    Welche Stellen berühren den Boden jetzt? Liegt das Becken anders, der Rücken flacher, der Atem tiefer? Steh danach langsam über die Seite auf.

Diese Lektion eignet sich gut am Abend vor dem Schlafen. Wenn du nachts wach liegst, kannst du sie auch im Bett machen.

Wie schnell wirkt das – und wie lange?

Langsames Atmen und ruhige Bewegung wirken oft schon in der Situation selbst. Dauerhaft wird die Veränderung aber erst durch Wiederholung. Das Nervensystem lernt Sicherheit nicht über einen einzelnen Moment, sondern über viele. Ein paar Minuten täglich bringen mehr als eine lange Einheit pro Woche.

Häufige Fragen

Wie kann ich mein Nervensystem schnell beruhigen?

Am schnellsten über den Atem: einige Atemzüge, bei denen der Ausatem deutlich länger ist als der Einatem, etwa vier Sekunden ein und sechs bis acht Sekunden aus. Dazu Gewicht an den Boden oder die Stuhllehne abgeben und den Blick weiten.

Welche Übungen regulieren das Nervensystem?

Gut untersucht ist langsames Atmen mit verlängertem Ausatem. Ergänzend helfen langsame, aufmerksame Bewegungen, Bodenkontakt und ein weicher, weiter Blick. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit, nicht die einzelne Übung.

Wie stimuliere ich den Vagusnerv?

Der Vagusnerv lässt sich nicht gezielt „anschalten", aber sein Einfluss lässt sich stärken – vor allem durch langsames Atmen mit langem Ausatem. Auch Summen, ruhige Bewegung und sichere soziale Begegnungen werden in diesem Zusammenhang genannt.

Kann man das Nervensystem dauerhaft beruhigen?

Ja, in dem Sinne, dass sich der Grundzustand verändern kann. Das Nervensystem ist lernfähig. Wer regelmäßig Momente von Sicherheit und Ruhe erlebt, verschiebt seinen Normalzustand nach und nach. Das braucht Wochen, nicht Tage.

Quellen

  1. Laborde S, Allen MS, Borges U, et al. Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2022. DSHS Köln
  2. Berland R, et al. Effects of the Feldenkrais Method as a Physiotherapy Tool: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2022;19(21):13734. doi.org

Dieser Artikel dient der Orientierung und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Feldenkrais ist Bewegungspädagogik.

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