Wissen
Besser gehen: was dein Gang über dich verrät – und wie er wieder leichter wird.
Wir gehen jeden Tag tausende Schritte und denken keinen davon. Für die Forschung ist das Gehen aber einer der aufschlussreichsten Werte überhaupt. Und er lässt sich verändern, nicht durch Eile, sondern durch bessere Zusammenarbeit im Körper.
Redaktion The BodyIQ · 18. Oktober 2026 · 5 Min Lesezeit
Ein Messwert, den kaum jemand kennt
2011 hat ein Team um die Altersmedizinerin Stephanie Studenski von der University of Pittsburgh die Daten aus neun großen Studien zusammengeführt. Mehr als 34.000 Menschen ab 65 Jahren, beobachtet über sechs bis 21 Jahre. Das Ergebnis erschien im Fachblatt JAMA und hat seitdem in der Altersmedizin viel verändert.
Wer einen Meter pro Sekunde oder schneller ging, lebte im Schnitt länger, als es Alter und Geschlecht erwarten ließen. Etwa 0,8 Meter pro Sekunde entsprachen der durchschnittlichen Lebenserwartung. Unter 0,6 Metern pro Sekunde stieg das Risiko, früher zu sterben.

Warum das Tempo nicht das Ziel ist
Bevor du jetzt die Stoppuhr holst: Das Tempo ist ein Spiegel. Es zeigt, wie gut viele Systeme gleichzeitig arbeiten: Herz und Lunge, Muskeln und Gelenke, Gleichgewicht, Nervensystem. Wer langsamer wird, hat oft an mehreren Stellen Reserven verloren.
Schneller zu laufen, nur um schneller zu sein, verändert davon nichts. Spannender ist die Frage, warum der Gang mühsam geworden ist. Oft liegt die Antwort nicht in den Beinen.
Gehen ist Teamarbeit
Beim leichten Gehen dreht sich das Becken mit jedem Schritt ein wenig nach vorn, der Brustkorb dreht gegenläufig, die Arme schwingen mit, der Kopf bleibt frei und der Blick geht nach vorn. Die Füße rollen ab, statt aufzuschlagen.
Fällt eines davon aus, müssen die anderen mehr arbeiten. Ein steifer Brustkorb, Arme, die festgehalten werden, ein Blick, der auf den Boden geht: Jedes davon macht den Gang schwerer, kürzer und unsicherer. Das merkst du nicht bewusst. Dein Nervensystem gleicht es aus, bis es irgendwann nicht mehr reicht.
Hier setzt Feldenkrais an. In den Stunden geht es selten direkt ums Gehen, sondern um die Teile, aus denen es besteht: wie das Becken rollt, wie sich die Rippen bewegen, wie der Kopf auf der Wirbelsäule sitzt. In einer Meta-Analyse von 2022 verbesserte sich bei älteren Menschen der „Timed Up and Go“, ein Test aus Aufstehen, Gehen und Hinsetzen, deutlich. Die Studien dazu sind klein, die Richtung ist aber eindeutig.
Die Lektion
Die Arme gehen mit
4 MinIm Gehen- Schritt 1
Normal gehen
45 SekGeh in einem Flur oder Zimmer ein paar Meter hin und zurück, so wie immer. Achte darauf, wie deine Arme schwingen. Schwingen beide gleich? Schwingen sie überhaupt?
- Schritt 2
Arme festhalten
30 SekVerschränk die Arme vor der Brust und geh weiter. Spür, was sich verändert: im Brustkorb, im Becken, in der Länge deiner Schritte.
- Schritt 3
Arme frei
45 SekLass die Arme wieder hängen und geh weiter. Erlaube ihnen, so viel zu schwingen, wie sie von selbst wollen. Nicht machen, nur zulassen.
- Schritt 4
Der Blick
45 SekGeh weiter und lass den Blick bewusst nach vorn auf Augenhöhe gehen statt auf den Boden. Bemerkst du, wie sich dein Kopf und dein Rücken aufrichten, ohne dass du dich gerade machst?
- Schritt 5
Vergleichen
45 SekGeh noch einmal wie am Anfang. Fühlt sich der Gang anders an, länger, leichter, ruhiger?
Wenn du unsicher auf den Beinen bist, mach die Übung an einer Wand oder einem Geländer entlang, oder lass jemanden neben dir gehen.
Wann du dich untersuchen lassen solltest
Wenn sich dein Gang plötzlich verändert, wenn du öfter stolperst oder stürzt, wenn ein Bein taub wird oder du beim Gehen schwindelig wirst, gehört das ärztlich abgeklärt, bevor du daran übst.
Häufige Fragen
Wie schnell sollte ich gehen?
Eine Norm für alle gibt es nicht. In der Studie von 2011 lebten Menschen ab 65, die einen Meter pro Sekunde oder schneller gingen, im Schnitt länger als erwartet. Wichtiger als ein Zielwert ist, ob dein Tempo über die Jahre stabil bleibt. Wenn du dir Sorgen machst, sprich deine Hausärztin oder deinen Hausarzt an.
Kann Feldenkrais das Gangbild verbessern?
In kleinen Studien haben sich Gleichgewicht und Mobilität bei älteren Menschen verbessert. Feldenkrais arbeitet dabei an der Zusammenarbeit von Becken, Brustkorb, Kopf und Füßen und nicht am Tempo. Ob es dir hilft, merkst du am besten in ein paar Stunden.
Was hilft gegen Unsicherheit beim Gehen?
Regelmäßiges, sicheres Üben des Gleichgewichts. Wie das in jedem Alter geht, zeigen wir im Beitrag zur Sturzprophylaxe. Bei häufigem Stolpern oder Schwindel lass die Ursache bitte ärztlich klären.
Quellen
- Studenski S, Perera S, Patel K et al. Gait Speed and Survival in Older Adults. JAMA. 2011;305(1):50–58. doi:10.1001/jama.2010.1923. Quelle
- Berland R et al. Effects of the Feldenkrais Method as a Physiotherapy Tool: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2022;19(21):13734. Quelle
Dieser Artikel dient der Orientierung und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Feldenkrais ist Bewegungspädagogik.
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