Praxis
Beckenboden entspannen: warum Loslassen genauso wichtig ist wie Anspannen.
Beim Beckenboden denken die meisten an Training. Dabei ist er bei vielen Menschen nicht zu schwach, sondern zu fest. Ein gesunder Beckenboden kann beides: halten und nachgeben.
Redaktion The BodyIQ · 10. Oktober 2026 · 5 Min Lesezeit

„Beckenboden trainieren" ist ein Satz, den fast jede kennt. „Beckenboden entspannen" hört man seltener. Dabei ist genau das für viele Menschen der fehlende Teil.
Der Beckenboden ist eine Muskelplatte, die das Becken nach unten abschließt. Er trägt die Organe, hilft beim Halten von Urin und Stuhl und arbeitet bei jedem Atemzug, jedem Husten, jedem Heben mit. Damit das gut funktioniert, muss er sich anspannen können – und wieder loslassen.
Wenn der Beckenboden nicht mehr loslässt
Ein dauerhaft angespannter Beckenboden wird in der Fachsprache oft als „hyperton" oder „überaktiv" beschrieben. Typische Hinweise können sein:
- Schmerzen oder Druck im Becken, am Steißbein oder beim längeren Sitzen
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder beim Einführen eines Tampons
- häufiger Harndrang oder das Gefühl, die Blase nicht ganz leeren zu können
- Verstopfung oder das Gefühl, beim Stuhlgang nicht loslassen zu können
Diese Beschwerden können viele Ursachen haben. Sie gehören deshalb zuerst in ärztliche Hände, gern ergänzt durch eine spezialisierte Beckenboden-Physiotherapie.
Warum mehr Training nicht immer hilft
Klassisches Beckenbodentraining stärkt die Muskeln durch wiederholtes Anspannen. Bei Schwäche, etwa nach einer Geburt, ist das sinnvoll. Ist der Beckenboden aber schon zu fest, kann zusätzliches Anspannen die Lage verschlimmern. Ein Muskel, der nie richtig loslässt, ermüdet – und wirkt dann manchmal schwach, obwohl er eigentlich überlastet ist.
Was hier fehlt, ist nicht Kraft, sondern Wahrnehmung: Wann spanne ich an? Kann ich spüren, wie es sich anfühlt, wenn ich loslasse? Genau hier setzt die Feldenkrais-Methode an.
Atem und Beckenboden arbeiten zusammen
Zwerchfell und Beckenboden bewegen sich gemeinsam. Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell, der Bauchraum weitet sich, und der Beckenboden gibt ein wenig nach unten nach. Beim Ausatmen steigen beide wieder. Wer flach und hoch in die Brust atmet oder den Bauch ständig einzieht, nimmt dem Beckenboden diese natürliche Bewegung. Deshalb ist der Atem einer der sanftesten Wege, das Loslassen zu üben.
Die Lektion: den Beckenboden atmen lassen – 5 Minuten
Die Lektion
Den Beckenboden atmen lassen
5 MinIm Liegen- Schritt 1
Ankommen
45 SekLeg dich auf den Rücken, die Beine angestellt, die Füße stehen etwa hüftbreit. Leg eine Hand auf den Unterbauch, die andere auf das Brustbein. Atme einfach weiter und spür, welche Hand sich mehr bewegt.
- Schritt 2
Der Atem nach unten
75 SekLass beim Einatmen den Bauch unter deiner Hand etwas weiter werden. Stell dir vor, der Atem reicht bis ganz nach unten ins Becken. Nichts erzwingen, der Bauch darf sich einfach mitbewegen. Etwa acht Atemzüge.
- Schritt 3
Den Abstand spüren
60 SekStell dir die beiden Sitzbeinhöcker vor, die Knochen, auf denen du sitzt. Lass sie beim Einatmen in deiner Vorstellung ein wenig auseinanderweichen und beim Ausatmen wieder zueinanderkommen. Ganz ohne Muskelarbeit.
- Schritt 4
Den Kiefer lösen
45 SekLass die Zähne leicht auseinander und die Zunge locker im Mund liegen. Viele Menschen bemerken, dass mit dem Kiefer auch im Becken etwas weicher wird. Atme dabei ruhig weiter.
- Schritt 5
Ruhe und Vergleich
75 SekNimm die Hände weg und streck die Beine aus, wenn es angenehm ist. Wie liegt das Becken jetzt? Fühlt sich der Unterbauch anders an als zu Beginn?
Diese Lektion ist keine Kraftübung. Wenn du nichts spürst, ist das normal. Die Wahrnehmung für diesen Bereich ist bei vielen Menschen anfangs sehr leise und wird mit Wiederholung deutlicher.
Was die Forschung zeigt
Die Forschung zum verspannten Beckenboden steht noch am Anfang. Eine systematische Übersichtsarbeit (van Reijn-Baggen et al., 2022) wertete zehn Studien zur Physiotherapie bei Beckenboden-Hypertonie aus. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass es bisher weder eine einheitliche Untersuchungsmethode noch Normwerte gibt – Aussagen zur Wirksamkeit sind deshalb mit Vorsicht zu lesen. Eigene Studien zur Feldenkrais-Methode beim Beckenboden gibt es bisher nicht.
Häufige Fragen
Woran merke ich, dass mein Beckenboden verspannt ist?
Mögliche Hinweise sind Druck oder Schmerzen im Becken, Schmerzen beim Sitzen oder beim Geschlechtsverkehr, häufiger Harndrang und Schwierigkeiten beim Stuhlgang. Sicher sagen lässt sich das nur durch eine Untersuchung in einer ärztlichen Praxis oder bei einer spezialisierten Physiotherapeutin.
Kann ich meinen Beckenboden zu viel trainieren?
Ja, wenn er ohnehin zu angespannt ist. Dann kann zusätzliches Anspannen Beschwerden verstärken. Sinnvoller ist es, zuerst das Wahrnehmen und Loslassen zu üben und Kräftigung erst danach gezielt einzusetzen.
Welche Übungen entspannen den Beckenboden?
Hilfreich sind ruhige Atemübungen, bei denen sich der Bauch beim Einatmen weiten darf, sanfte Bewegungen des Beckens und das Lösen von Kiefer und Bauch. Entscheidend ist, dabei keinen Druck aufzubauen.
Hängen Kiefer und Beckenboden zusammen?
Viele Menschen erleben, dass sich mit einem lockeren Kiefer auch das Becken entspannt. Wissenschaftlich gut belegt ist dieser Zusammenhang bisher nicht. Ausprobieren schadet aber nicht.
Quellen
- van Reijn-Baggen DA, Han-Geurts IJM, Voorham-van der Zalm PJ, Pelger RCM, Hagenaars-van Miert CHAC, Laan ETM. Pelvic floor physical therapy for pelvic floor hypertonicity: a systematic review of treatment efficacy. Sexual Medicine Reviews. 2022;10(2):209–230. doi.org
Dieser Artikel dient der Orientierung und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Feldenkrais ist Bewegungspädagogik.
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